Chemikalienlager, Mälzerei und Wohngebiet: Manches passt einfach nicht zusammen

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Gernsheim/Hessen: Am 10.09.2021 um 16:00 Uhr fand wieder eine Demonstration der „Bürger in Acht, Bi8“ statt. Ziel war und ist es: Die massive Erweiterung des „Solvadis-Tanklagers“ zu verhindern. Die „Protestler*Innen“ zogen samt Kind und Kegel mit Transparenten „bewaffnet“ vor den Solvadis-Betrieb um sich dort zu versammeln. In Sprechchören forderten die Teilnehmenden das Aus für die Erweiterung. Alles verlief friedlich, obwohl der Groll der Anwohner auf das ignorante Gebaren der Firmen- und Betriebsleitung des Chemikalien-Unternehmens nachvollziehbar ist. Abwiegelung und Störfälle gab es in Gernsheim schon öfter. Ob nun Xylol auf der Strasse oder ausgelaufenem Xylol im Werk, immer Action und Angst vor der Haustür und im Schlafzimmer.

Nachbarschaften: stets ein Kapitel für sich

Nachbarschaften sind per se mit diversen Konflikten beladen. Wenn aber nicht mehr zeitgemäße Kombinationen „erzwungen“ werden, dann birgt dies Zündstoff der besonderen Art. In Gernsheim werden 3 Nachbarschaften in einer hochexplosiven Lage miteinander kombiniert, welche nach heutigen Neuansiedlungs-Kriterien unvereinbar sind.

Anwohner als Schutzbefohlene, ohne jegliche Möglichkeit sich schützen zu können, ein der höchsten Gefahrenklasse zugeordneter Störfall-Lager-/Umschlagbetrieb für Lösemittel/Chemikalien mit tausenden Tonnen Lagerkapazität der mehrfach bewiesen hat, dass Gefahren von ihm ausgehen und ein Mälzerei- und Getreidelagerbetrieb der gemäß seiner gehandhabten Stoffe und Mengen ebenfalls bezüglich Brand- und Explosionsgefahren erhebliches Risikopotenzial beinhaltet.

Sollte „Murphy“ mal richtig mies drauf sein, dann: „Gute Nacht“.

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Foto: Vorne Solvadis und nur durch eine Strasse getrennt dahinter die Durst-Malz Mälzerei mit Silobetrieb (Rechts hinter den Tanks die Wohnbebauung, jedoch nicht zu sehen (siehe Foto unten))

Es ist in keiner Weise nachvollziehbar, dass bei den Ausbauplänen eines „Seveso-Richtlinien-III-Betriebes“ die erweiterte Gefahren- und Wechselwirkung-Analyse im minimalen Abstand von jeweils 30-50 Metern keinen oder falls doch geschehen, keinen wirksamen Eingang in Begutachtung und Prüfung der Genehmigungsfähigkeit findet …

Die Genehmigungsfähigkeit wäre wahrscheinlich nicht gegeben, würde diese Gefahrenquelle berücksichtigt.

Meine Meinung dazu: Manches lässt sich nicht kombinieren. Auch wenn man es noch so will, es wirtschaftlich nachvollziehbar ist und sich vielleicht sogar alle Beteiligten Mühe geben! Es geht dann „unter Nachbarn“ nicht auf, vor Allem dann nicht, wenn offensichtlich wird, das einseitig und Interessen-gesteuert kommuniziert wird.

Beispiel: „Ein Geruch ist keine Konzentration“ war die lapidare Kommentierung des Solvadis Betriebsleiters hinsichtlich des letzten Zwischenfalls auf dem Werkgelände. Klar: ein zünd-fähiges Gas-Luft-Gemisch lag definitiv nicht in den „Schlafzimmern der Anwohner“ vor, im Auffangbecken aber höchstwahrscheinlich sehr wohl.

Ein Streichholz, ein Wackelkontakt oder Funke hätte dort genügt den Beweis anzutreten, dass es doch mehr als eine „Geruchsbelästigung“ war.

Wer so Risiken und eigene Versäumnisse bagatellisiert, der diskreditiert sich selbst, seine Expertise mitsamt des verursachenden Unternehmens für das er tätig ist. Für die Anwohner gilt: Wer solche Nachbarn hat, braucht keine Feinde.

Seit 2017 kämpfen die Anwohner gegen eine, nach ihrer Meinung und der Rechtsauffassung ortsansässiger Politiker und des zuständigen Bauamtes, „unverantwortliche“ Erweiterung des unter Bestandsschutz stehenden Chemiekalien-Lager- und Umschlag-Betriebes. Hier werden vor Allem leicht-flüchtige, entzündliche oder hoch-entzündliche und gesundheits-bedenkliche Lösemittel gelagert, angeliefert, umgeschlagen und konfektioniert.

Rhein-Solvadis-Anwohner
Foto: Drei Wohnhäuser „schauen zwischen den Tanks hindurch“, getrennt nur durch einen kleinen Grünstreifen und eine viel befahrene Strasse.

In der unmittelbaren Nachbarschaft des Seveso-Richtlinie-III Betriebes befindet sich auch eine große Mälzerei samt Siloanlagen. Die Luftlinie zwischen dem rund 70 Jahre alten Siloteil und dem Chemikalienlager, beträgt nach Zubau der geplanten 12500 Kubikmeter Lagervolumen dann weniger als 50 Meter. Das ist deutlich weniger als die Teilnehmer der Bundesjugendspiele einen 200 Gramm schweren Ball werfen können.

https://www.hessenschau.de/panorama/gefahrstoff-xylol-in-gernsheim-ausgelaufen—grosseinsatz,gefahrstoffaustritt-gernsheim-100.html

Kleine und größere Betonteile fliegen auch mal 100m weit bei einer Explosion, wie etwa 1997 bei der verheerenden Explosion in Blaye bei Bordeaux beim Entladen von Mais. Elf Menschen starben damals.

Die Duchschlagskraft solcher „Geschosse“ ist enorm, Tankwandungen sind jedenfalls, je nach Größe und Einschlagwinkel des Betonteiles, kein Hindernis. Lagern darin dann explosive Stoffe ist die Katastrophe da.

Aufgewirbelter Staub hatte in Blaye mit der Luft im Silo eine „zündfähige Wolke“ gebildet. Ein Funke genügte für Katastropheneintritt. Genau wie 1979 in der Bremer Rolandmühle: 14 Menschen starben, 17 wurden verletzt der Sachschaden betrug 100 Millionen D-Mark.

Das sehr alte Silogebäude in Gernsheim liegt also in Steinwurfweite von der neuen 5-Tanks umfassenden Anlage, in denen jeweils bis zu 2.500m3 entzündliche Chemikalien lagern können. Von welcher Betriebsstätte das grössere, primäre Gefahrenpotenzial ausgeht, wurde scheinbar innerhalb der Planungs- und Genehmigungsprozesse nicht bewertet oder vergessen. Die entsprechende TA gibt dies wohl so her, ob das einen Sinn ergibt sei dahingestellt. Die Kombination der beiden Anlagen birgt „Zündstoff“ für hitzige Diskussionen zur Sicherheit der Anwohner. Auf der einen Seite abwiegelnde „Betreiber und Betriebsverantwortliche“, auf der anderen Seite um „Leib und Leben fürchtende Anwohner“. Ein Drama mit „Open End“-Garantie.

Doch Mälzerei- und Silobetrieb-Brände und Explosionen sind durchaus häufige Ereignisse. Brandschutz- und Exschutzkonzepte ein absolutes Muss.

Ganz in der Nähe von Gernsheim, in Worms kam es vor einigen Jahren (2008) zu einem schweren Explosionsschaden mit Toten. Eine Risiko-Einordnung in Gernsheim wäre nötig.

Es ist schwer nachvollziehbar was sich die Betreiber der Anlagen, der Gutachter und die Genehmigungsbehörde(n) hinsichtlich Störfallverordnung und Gefahrenanalyse gedacht haben oder noch immer denken „was bei einem schweren Störfall mit viel Glück alles NICHT passieren könnte“. Die durchaus variable „Abstandsregelung“ macht die Sache nicht einfacher: „Die Methoden der KAS-18 haben sich nach Aussagen der Arbeitsgruppe hier im Grundsatz bewährt. Jedoch ist festzustellen, dass sich erhebliche Abweichungen unterschiedlicher Gutachten bei vergleichbaren Szenarien ergeben. “ (Link zum Dokument) Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Denn nur so lässt sich erklären, dass eine solche Erweiterung in unmittelbarer Nachbarschaft von Wohnbebauung und Silobetrieb genehmigungsfähig sein soll.

https://de.wikipedia.org/wiki/Staubexplosion#/media/Datei:Explosion_des_Getreidesilos_der_Kieler_Lagerhaus_GmbH_im_Nordhafen_(Kiel_47.816).jpg

Es ist schon eine katastrophale Zusammenballung ignoranter Interpretation notwendig um in einem Bebauungsdreieck mit einer Kantenlänge von jeweils max. 50-75 Metern* sowohl eine Tanklagerstätte für (hoch-)entzündliche Chemikalien einen alten Getreidelagerkomplex und innerstädtische Wohnbebauung „ohne relevante Risiken“ für genehmigungsfähig zu erachten. (*siehe Google-Maps)

Beispiele aus der jüngeren Geschichte zeigen welche verheerende Wechselwirkungen und Ereignisse eintreten können.

Lesen Sie auch den Meinungsbeitrag dazu, der bereits vor einem Jahr auf maltCert.de publiziert wurde.

Es klingt bei Verantwortlichen immer solange „gut und sicher“ bis etwas passiert und statistisch betrachtet ist sowohl die Ereignishäufigkeit als auch die Verkettung einzelner Umstände zu einem worst-worst-case-Szenario eben als gering einzustufen.

Das nutzt aber weder Seveso-Opfern, den Feuerwehrmännern aus Worms-Rheindürkheim oder den Anwohnern in Gernsheim, die täglich eine potentielle Gefahrenquelle vor dem unruhigen Schlafengehen vor sich sehen. Manager, Beauftragte und Behördenvertreter sind bei Eintritt eines Störfalls weder Vorort, noch fühlen diese sich dann verantwortlich.

In der gleichen Unternehmsgruppe gab es vor ziemlich genau 2 Jahren in Straßburg eine Explosion in der dortigen, durchaus vergleichbaren Mälzerei.

Glücklicherweise gab es „nur“ einen Verletzten, doch es sind auch die gleichen räumlichen Verhältnisse wie in Gernsheim: Beengte Hafenbetriebe, über viele Jahrzehnte gewachsene Baulichkeiten und Technik, dichte Besiedelung und immer wieder Unglücke in und um die Mälzerei.

Die deutsche Presse auf der anderen Seite des Rheins titelte: „Pulverfass Rheinhafen: Wie gefährlich ist es für die Ortenauer?“

Kontrolleure hatten dort übrigens mehrere Jahre lang gewarnt. Umsonst!

„Explosionen, Brände und Verletzte“ sind das wiederkehrende Ergebnis des „Port autonome de Strasbourg“. Ein Jahr zuvor war ebenfalls im Hafen eine Mais-Silo-Anlage in die Luft geflogen, es gab Schwerverletzte. Wenige Zeit später brannte eine Anlage für Isoliermaterial und im November 2019 dann das Aschesilo einer Müllverbrennungsanlage. Alles keine Störfallbetriebe.

Der Straßburger Mälzereibetrieb der Groupe Soufflet wurde sogar eineinhalb Jahre vorher „in Verzug“ gesetzt, d.h. mit einer „letzten Warnung“ versehen, die diversen festgestellten Sicherheitsmängel abzustellen. Es ging dabei um Sicherheitsmängel die zum Teil seit 2004 bis in die Gegenwart bestanden.

Ob in Gelsenkirchen, Bamberg, Kulmbach, Bremen oder Worms:

„In deutschen Mälzereien brennt und explodiert es halt ab und an.“

Doch keiner dieser Schadens-Betriebe liegt in Wurfweite zu einem Störfallbetrieb der Kategorie Seveso-III. Aber oft brennt es mehrmals innerhalb weniger Jahre im gleichen Betrieb. Der Lerneffekt und das abstellen massiver Sicherheitsrisiken scheint zumindest nicht ganz vorne auf der Prioritätenliste der Mälzer zu stehen.

In Gernsheim ist das und Vieles wohl (nicht) anders.

Es ist jedenfalls schon verwunderlich das innerhalb der Erweiterungsplanung keinerlei Risikobetrachtungen, Wechselwirkungen und entsprechende Gefahrenabwehr hinsichtlich der Mälzerei betrachtet wurden.

Weder die genehmigende Behörde noch der Gutachter, die dem Ausbau nur „minimale“ Risiken zuwiesen, haben diese möglicherweise dramatische räumliche Explosions-Konstellation systematisch berücksichtigt.

Zuständigkeiten und fehlender Austausch sind hierfür genauso verantwortlich wie eben eine möglicherweise „ergebnisorientierte“ Begutachtung bzw. der zugrunde gelegten Abstandsregelungen, welche je nach angewandtem Modell zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Hätte der Gutachter die Explosionsschaden-Risiken der Mälzerei als extrem hoch angesetzt und berücksichtigt, dann wäre das Gutachten voraussichtlich deutlich kritischer ausgefallen.

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